Unsere Tradition

Historie

Wann man in Herbstein begann, Foaselt zu feiern, lässt sich kaum ermitteln – aber es gibt erstaunliche Spuren.

Wann man in Herbstein begann, Foaselt zu feiern, ist kaum zu ermitteln, und auch der Ursprung unseres einmaligen Springerzuges lässt sich bis heute nicht urkundlich belegen.

Gefeiert wurde die Foaselt in Herbstein aber schon lange: In der Hospitalrechnung aus dem Jahr 1803 ist vermerkt, dass es an Weihnachten und an Fastnacht eine Sonderration Fleisch für die Insassen gab. Und in einem Brief des damaligen Landrats Froelich vom 21. November 1845 an Bürgermeister Kübel ist zu lesen, dass der erste Krämermarkt des Jahres am Fastnachtsdienstag stattfand.

Spuren nach Tirol

Sieht man unseren Bajazz mit den sechs Pärchen durch die Straßen springen, erkennt man viele Ähnlichkeiten mit alten, urigen Tiroler Fasnachtsbräuchen. Besonders deutlich werden die Parallelen auf den alten Bildern der Herbsteiner Springerzüge aus den 1920er- und 1930er-Jahren.

Die damals hohe, spitze, bunte Kopfbedeckung des Bajazz findet man in ähnlicher Form noch heute bei Tiroler Fasnachtsfiguren, ebenso das bunte, mit Schellen besetzte Kostüm. So springt beim Fasnachtszug in Axams das „Buijazzl“ dem Zug voraus, und in Fiss begegnet man dem „Bajatzl“ an der Spitze des Zuges.

Das damalige Kostüm unseres Tirolerpärchens ähnelte viel mehr der Tiroler Bauerntracht als das heutige, das man in den 1960er-Jahren der immer kürzer werdenden Damenmode anglich.

Am meisten wird die Vermutung, dass der Springerzug ein Relikt aus den Alpen ist, durch eine Tatsache gestützt: Nachweislich wohnten und arbeiteten fast vierzig Jahre lang Tiroler Handwerker, meist Steinmetze und Maurer, in Herbstein. In alten Amtsrechnungen der Stadt finden sich von 1659 bis 1694 Einträge, die belegen, dass Tiroler sich hier aufhielten, arbeiteten und niederließen. So erhielten Tiroler Steinmetze 1659 Lohn von der Stadt, weil sie im Amtshaus ein Stück Mauer „unterschlagen“ und im Stall gepflastert hatten.

In späteren Urkunden ist belegt, dass Tiroler Männer Schutzgeld entrichten mussten, wenn sie sich im Winter in der Stadt aufhielten. In den Herbsteiner Amtsrechnungen aus dem Jahr 1691 heißt es wörtlich:

Einnahm Schutz- oder beysitzgeld der Stadt Herbstein: Von 6 Tiröllern, welche sich in allhiesigem Städtlein winter über aufgehalt, Namens Severin, et Christe Natz, Jürg Henn, Steffan Treppel, Bastian Wastermann, Micharl Braun, als jeglicher 15 alby.

Die Amtsrechnungen von 1694 belegen, dass wieder Ambrosius Turner – dort als „Tiroler und Maurergesell“ bezeichnet – Schutzgeld zahlte und dass Severin Nartz bereits ein Grundstück im „Swomerts“ besaß.

Dass die Tiroler nicht nur glückliche Tage in Herbstein erlebten, zeigen zwei Einträge in den Kirchenbüchern: Am 5. Oktober 1691 starb plötzlich Christian Narz aus Kauns im Bezirk Landeck, und am 12. September 1709 starb Christiany Moll aus Tirol.

Einige Tiroler wurden in Herbstein ansässig: 1693 bezahlte „Mathis Schuster alhir seiner geburth ein Tiröler“ Neubürgergeld. Auch Hochzeiten von Tirolern mit Herbsteiner Frauen sind verzeichnet – der Stammbaum der Familien Narz lässt sich lückenlos bis zu Severin Narz und nach Kauns in Tirol zurückverfolgen.

Warum gerade Herbstein?

Die Wanderhandwerker kamen meist aus katholischen Gegenden und waren nach den Regeln ihrer Zünfte gehalten, sich möglichst in katholischen Orten aufzuhalten – auch, damit ein Zunftbruder, der in der Fremde starb, auf einem katholischen Friedhof beerdigt werden konnte.

Durch den Dreißigjährigen Krieg waren viele Gegenden Deutschlands fast entvölkert und viele Gebäude zerstört. Die Alpentäler dagegen waren weitgehend verschont geblieben, doch wegen der dort üblichen Realteilung waren viele Menschen verarmt und hatten in ihrer Heimat keine Perspektive.

Auch in Herbstein leisteten die Tiroler Aufbauarbeit: Sie reparierten die zerstörte Stadtmauer – Pfarrer Hermann Josef Narz verweist auf einen Vertrag von 1672 zwischen den Herbsteiner Bürgermeistern und einem Tiroler namens Jones Wolf – und arbeiteten am Fundament der Kirche in Dirlammen mit.

Da die Tiroler als traditionsbewusster, bodenständiger Menschenschlag gelten, liegt die Vermutung nahe, dass sie sich – von Heimweh geplagt – zur Fasnachtszeit an dem in Herbstein wahrscheinlich schon stattfindenden Umzug des Erbsenstrohbären mit seinem Gefolge in der ihnen gewohnten Art beteiligten.

Man kann also folgern: Bei unserer alten Herbsteiner Foaselt handelt es sich wahrscheinlich um einen Brauch, den Wanderhandwerker aus Tirol nach Herbstein brachten und der sich hier über Jahrhunderte erhalten hat.

Historischer Springerzug
Historische Aufnahme der Herbsteiner Fastnacht
Historische Aufnahme

Historische Aufnahmen

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